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Waldecke .:. Anekdoten von dem Gott

Waldecke, St.Ch. [d.i. Ewald Tscheck], Anekdoten von dem Gott. Dem Andenken des grossen Schriftstellers und kühnen Experimentators gewidmet. 2. Auflage. Bern: Edition Anares, 1999. 32 Seiten mit einer Abbildung. Kartoniert / geheftet.
* Bibliothek Der Schwarze Kahn, Band 2. - Herausgegeben und Nachwort von Jochen Knoblauch. Erschien erstmals im Spiegel-Verlag Fritz Nuernberger, Berlin 1924 in 487 num. Exemplaren. Titelzeichnung von R. Nilgren.

Waldecke St Ch d i Ewald Tscheck | Anarchismus |







Die vorliegende Broschüre gehört - wie noch so manches - in den Bereich der literarischen Kleinode, die es noch zu entdecken gilt. Sie sind sehr selten in Antiquariaten oder Bibliotheken zu finden. Schwierig wird es im doppelten Sinne, wenn auch der Autor heute nicht mehr den Bekanntheitsgrad geniesst, wie zu seinen Lebzeiten. Obwohl seine Person spartenübergreifend für verschiedene Forschungsgruppen interessant sein könnte, ist der Wissensstand immer noch sehr lückenhaft. Die Geschichtsschreibung und Forschung der Homosexuellenbewegung, die noch sehr jung ist, hat hier wohl den grössten Beitrag geleistet. Eine andere Sparte wäre z.B. die Anarchismus-Forschung. Hier taucht Tscheck noch weniger auf. Gar nicht, jedenfalls von mir bisher nicht entdeckt, taucht der Autor bei den LiteraturwissenschaftlerInnen auf. Schliesslich stand er mit Andre Gide in Verbindung und soll u.a. Klaus Mann in die Berliner Literaturwelt eingeführt haben. St. Ch. Waldecke ist das Anagramm für Ewald Tscheck, der am 16. 1. 1895 in Berlin geboren wurde. Über seine Kindheit und Jugend wissen wir bisher nichts. Bis 1928 lebte er bei seinen Eltern in Berlin-Kreuzberg. Im Zeitraum von 1920 bis 1927 verfasste er ca. 150 Aufsätze für verschiedene Publikationen der damaligen Schwulenpresse. Bis 1925 erschienen seine Beiträge vornehmlich in der Zeitschrift »DER EIGENE« von Adolf Brand (l874 - l945), bis es zum Bruch zwischen den beiden kam, worüber allerdings nichts näher bekannt ist. Ewald Tscheck hatte wohl vor, eine eigene Zeitschrift herauszugeben, die ,,in einer eigenen Druckerei und in einem eigenen Verlag produziert werden und "Das Dritte Reich" heissen sollte. Wo natürlich AnarchistInnen hellhörig werden könnten, sofern sie sich mit Individual-Anarchismus auseinandergesetzt haben: Dr. Rolf Engert (1889 - 1962) veröffentlichte bereits 1920 seine Reihe ,,Neue Beiträge zur Stirnerforschung" im Eigenverlag,,Das Dritte Reich". Dieses hat natürlich nichts mit dem Nationalsozialismus zu tun, sondern bezieht sich auf den norwegischen Dramatiker und Sozialkritiker Henrik Ibsen (1828 - 1906), der die Geschichte der Menschheit in drei Reiche (Epochen) einteilte. Es ist anzunehmen, dass Tscheck und Engert sich kannten. Im Januar 1921 wurde in der individual-anarchistischen Zeitschrift "DER EINZIGE" eine Anzeige veröffentlicht, daß der Individualistenbund einen erfahrenen und bemittelten Verleger sucht. Unterzeichnet war die Anzeige von Dr. Rolf Engert, Dr. Anselm Ruest, Ernst Saenger und Ewald Tscheck. Der Individualistenbund nannte Tscheck in einer Anzeige als seinen Schriftführer mit Adresse in Berlin-Kreuzberg. Im September 1921 rezensierte Tscheck in "DER EINZIGE" Engerts Schrift ,,Die Freiwirtschaft - Ein praktischer Ausdruck der Stirnerschen Philosophie" (Erfurt 1921). Obwohl die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg zur Blütezeit des deutschen Anarchismus gezählt werden kann, galten Homosexuelle und Individualisten nicht zum Mainstream. Die Kreise, von Schwulen, Anarchisten (insbesondere Stirnerianer), Freiwirtschaftler und Literaten überschnitten sich teilweise in Persona, aber inhaltlich stiessen sie sich dann eher ab. Tscheck, wie auch der Stirner-Biographlohn Henry Mackay (1864 - 1933) verwarfen die Freiwirtschaft, Individualisten wie Engert und Ruest hatten nichts mit den Emanzipationsbestrebungen der aufommenden Schwulenbewegung am Hut. Gleich war ihnen allen der Geldmangel und die schwierigen Publikationsmöglichkeiten. Besonders Ewald Tscheck, der sich mit kämpferischem Elan für libertäre Veränderungen (Kampf gegen § 175 usw.) einsetzte, schlug hierbei des öfteren über die Stränge. Hierzu gehören auch seine antisemitischen Ausfälle gegen Magnus Hirschfeld, dem Begründer des WhK (Wissenschaftlich-humanitäres Komitee), in "DER EIGENE", ,,der als Jude der ungeeignetste Führer" im Kampf gegen den § 175 sei. So unentschuldbar derartige Attacken auch sind, so kann man bei Tscheck nicht prinzipiell von Antisemitismus sprechen. Eher verbindet sich hier eine persönliche Aversion mit allgemein-dummen Resentiments, denn Tscheck bewegte sich viel in aufgeschlossenen Künstlerkreisen und hatte viele jüdische Bekannte. Anfang 1929 zog er mit zwei Freunden zusammen und bildete so die wohl erste Schwulen-WG in Berlin, die ihn z.T. auch finanzierte, da er für seine Tätigkeit als Publizist und für seine zahlreichen Vorträge kaum etwas erhielt. Die finanziellen Schwierigkeiten wuchsen, als seine Mitbewohner arbeitslos wurden. Tscheck arbeitet von nun an bis Januar 1933 hauptsächlich für die anarchistische Bewegung. Er hielt Vorträge im Kreis der ,,Union anarchistischer Vereine Berlin und Umgebung" und publizierte u.a. in "Besinnung und Aufbruch" und ,,Der Freie Arbeiter".: Hier veröffentlichte er u.a. Artikelserien wie ,,Kritische Betrachtungen" aber auch satirische Beiträge wie ,,Staatshumor". Seine Beiträge drehen sich in erster Linie um Antiautorität, Anti-Nationalität, aber auch um Kultur-Themen wie Taoismus, Kropotkins Ethik oder die Wirtschaftsanschauungen von John Henry Mackay und Max Stirner. In dieser Phase entsteht auch die Broschüre ,,Gedanken über Anarchie", die 1976 (Meppen) und 1981 (Freiburg/Br.) eine Neuauflage erfuhr. Sein Anagramm St. Ch. Waldecke ist Iängst kein schützendes Pseudonym mehr. Oftmals werden in Anzeigen zu seinen Vorträgen beide Namen genannt. 1932 lernt er den jungen Kurt Zube kennen, der mit Mackay bekannt war und die erste Mackay-Gesellschaft, zur Unterstützung des Dichters ins Leben rief. Otto Reimers schreibt über Tscheck: ,,Es war ihm, wie einigen anderen Anarchisten und Syndikalisten möglich, nach 1933, als die Nationalsozialisten die politische Macht übernahmen, ins Ausland zu ziehen. Aber auch dort fand er ein bedauerliches Ende."' Hier endet dann auch das ,anarchistische' Wissen über Ewald Tscheck. Nur der Hartnäckigkeit von Manfred Herzer ist es zu danken, dass wir inzwischen wissen, dass Tscheck am 17. 3. 1956 in Potsdam, unter ungeklärten Umständen gestorben ist. Angeblich ist er durch eine Gasvergiftung ums Leben gekommen, wobei nicht bekannt ist, ob es ein Unfall oder Suizid war. Tscheck hat wohl Deutschland nicht verlassen. Im Korrespondenz-Bestand des Museo Elisario gibt es z.B. Briefe aus dem Jahre 1936, in denen er über eine Reise durch Italien, Ungarn und die Tschechoslowakei schreibt, aber auch aus dem Jahre 1940 aus Deutschland. In einem Brief von 1953, mit Absender Cauerstr. 15 / Berlin-Charlottenburg sprach er davon Europa verlassen zu wollen. Selbst mit Hilfe des amerikanischen Germanisten Hubert Kennedy, war es uns nicht möglich an Informationen von staatlichen Stellen zu kommen. Ablehnungsgrund war der Hinweis auf Datenschutz, obwohl unserer Vermutung nach Ewald Tscheck keine Nachkommen hatte, und wohl auch keinerlei lebende Verwandschaft mehr. Das Standesamt in Potsdam wollte uns nicht mitteilen, ob z.B. ein Nachlassvenvalter eingesetzt worden ist oder nicht. Das Nachlassgericht am Amtsgericht in Potsdam war nicht in der Lage Auskunft darüber zu geben, ob im Falle Ewald Tscheck überhaupt ein Nachlass gesichert wurde. In einem Briefvom 25. 3. 1929 an Mayer/Kupffer spricht Tscheck z.B. davon, dass er ein fast 1000 Seiten (!) umfassendes Manuskript mit dem Titel ,,Eros" abgeschlossen hat. Auch von weiteren fertigen Manuskripten ist die Rede, nur weiß niemand, was aus ihnen geworden ist. Lediglich die Friedhofsverwaltung von Potsdam war bereit zu erklären, dass als Todesursache eine Gasvergiftung angegeben wurde. 1946 hat Fritz Parlow Ewald Tscheck im Volksbildungsamt Berlin-Mitte wiedergetroffen, wo er ,,als literarischer Mitarbeiter beim ostzonalen Bezirksamt" tätig war. Vom 1.Juli 1946 bis zum 31. Mai 1947 war Tscheck unter seinem Anagramm St. Ch. Waldecke Chefdramaturg am Stadttheater Cottbus. Tscheck wohnte zum Schluss in der Hermann-Elflein-Str. in Potsdam (das Haus steht heute noch, aber es lebt wohl niemand mehr drin, der sich noch an ihn erinnern kann). Nach seinem Tod am 17. 3. 1956 wurde er aufdem Alten Friedhofin Potsdam beerdigt. In der damaligen örtlichen Tagespresse konnte keine Meldung hierzu gefunden werden. Das Grab wurde 1976 eingeebnet. Es gäbe noch einiges nachzuforschen. "Die Anekdoten von dem Gott" sind nur eine Seite der literarischen Fähigkeiten Ewald Tscheck's, der nicht nur in den verschiedenen Kreisen der 20er und 30erJahre eine Rolle (mit-)spielte, sondern dessen unterschiedlichen geistigen Interessen noch längst nicht zum Tragen gekommen sind. Eine spannende Figur ist er allemal. Jochen Knoblauch, November 1998


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